Samstag, 24. März 2012

Fluch - 1788

Sommer, 1788
Es war nicht zu übersehen, wie sehr die Dürre der letzten Wochen, die Landschaft mitgenommen hatte. Kaum ein Baum grünte noch, stattdessen überzog ein Tuch, bestehend aus allen Braun- und Gelbtönen, das Land. Wie trostlos ... und ich bin daran Schuld. Naja, auf Dürre folgt Hungersnot, auf Hungersnot erhöhte Preise und in diesem eh schon unruhigen Land, wo der König sich wenig um die Nahrungsknappheit des dritten Standes schert, kommt es letztendlich zum Aufstand, wie es sich Luzifer wünschte.
Nachdem Kali die Feier in Luzifers Infernalen Stadt, auf Grund von zu freizüglich werdenden Verhaltens der Gäste, verlassen hatte, verschwendete sie nicht viel Zeit damit, den Aufbruch in die irdische Welt, aufzuscheiben. Sondern sie brach direkt auf und materalisierte sich im Frankreich des 18ten Jahrhunderts. Es dauerte nicht lange, bis sie sich einen Überblick der Situation verschafft hatte, und, entgegen ihres eigenen Willens, aber ihrem Herren folgend, der Vegetation das Wasser entnommen hatte, und somit eine erste Dürre einleitete.
Eine Weile noch betrachtete die Reiterin das karge Tal, welches sich unter ihr ausbreitete, dann riss sie die Zügel herum und preschte durch das trockene Gras, in Richtung Westen, davon.
Bei Anbruch der Dunkelheit erreichte Kali die kärglich erleuchteten Straßen von Versailles. Eine Kapuze über den Kopf gezogen, trieb sie ihren Rappen zügig durch die engen Gassen, umrahmt von Häusern, deren Fenster allesamt verschlossen waren für die Nacht. Angewiedert rümpfte sie bei dem unangenehmen Geruch die Nase. Wie konnten Menschen nur in solch einem Schmutz leben?
Nach einem kleinen Zwischenfall mit einem grobschlächtigen Straßenräuber, welchen sie rasch und ohne Probleme beseitigte, kamen endlich die breiteren Prunkstraßen in Sicht. Zielstrebig ritt sie entlang der größeren Stadthäuser weiter, bis letzendlich ein gewaltiges Schloss in Sicht kam: das berühmte Schloss von Versailles. Ein Lächeln erhellte ihre Züge und kurz vor dem prachtvollen Eingangstor angelangt, lenkte sie ihr Pferd in eine kleine Nebengasse, wo sie abstieg und sich mit einem Tätscheln des Tieres, auf einmal in Nichts auflöste....wirklich in Nichts? Nein, bei genauerem Hinsehen, konnte ein dünner Nebelfaden, über den Dächern verschwindend, gesehen werden. Wie von einem Willen gesteuert, kroch dieser langsam auf das Schloss zu, verschwand in einem Schornstein und ließ die schwüle Sommernacht hinter sich. Aus einem der Unmengen von Kaminen im Inneren des gewaltigen Schlosses, quoll er in einem kleinen Wölkchen heraus, schien sich zu verfestigen und kurz darauf stand Kali in einem prachtvollen Ballgewand aus blauem und silbernem Satin, mitten in einem unbenutzten Zimmer.
Ein zufriedenes Lächeln ließ ihr zartes Gesicht erstrahlen. Ihre Röcke noch einmal aus schüttelnd, wanderte ihr Blick prüfend über den Raum. Anscheinend war sie in einem kleinen, aber dennoch feinen Wohnzimmer gelandet. Sessel und ein luxuriöses Sofa, bildeten einen Teil des Raumes, sowie der Kamin. Zudem war die Wand verziert mit Gemälden und Spielgeln, allesamt in prunkvolle Rahmen gefasst.
Ihre Aufmerksamkeit blieb an der eleganten Holztür hängen, auf welche sie sich sogleich zubewegte, und sie langsam, aber bestimmt öffnete. Ein Blick auf den dahinter liegenden Gang vergewisserte ihr, dass sich dort niemand aufhielt und sie somit ungestört den Raum verlassen konnte. Die Tür schloss sich wieder hinter ihr, während sie noch einen Moment dastand und eine selbstbewusste Haltung einnahm. Wandleuchter erhellten den Teil des Schlosses, sodass sie nicht im Dunkeln umherhuschen musste, was einer Dame von guter Herkunft als unschicklich angetan würde. Gemäßigtem Schrittes ging sie los, der Saum ihrer weiten Röcke im Takt mitschwingend. Schon an der nächsten Kreuzung vernahm sie vage Orchestermusik an ihr Ohr klingen. Das war ja nicht schwer zu finden... 
Sie beschleunigte leicht ihre Schritte, bis ihr die ersten Menschen entgegen kamen. Künstlich Lächelnd neigte sie ab und an das Haupt, wenn ein elegant gekleideter Herr in ihre Richtung blickte. Es dauerte nicht lange, da erreichte sie einen weiten Türbogen, der in Mitten eines gewaltigen Ballsaales führte. Von den weiten Gewölben, bemalt mit ruhmreichen Gemälden, hingen glitzernde Kronleuchter. Die Wände wurden gesäumt von marmornen Säulen, welche gewaltige Rundfenster umrahmten. Diese eröffneten den Blick auf eine gepflegte Gartenlandschaft, die bis hin zum Horizont reichte und soeben von einzelnen Paaren als Ort des spazieren Gehens, genutzt wurde. Zurück in der Mitte des Saales, wirbelten Kleider in allen nur erdenklichen Farben auf  der Tanzfläche, sodass das Auge gar nicht weiß, wohin es blicken soll. Das gesamte Ambiente war in Gold getaucht, was dem ganzen einen Hauch von Schatzkammer verlieh.
Und so lasst den Abend beginnen. Zu viel versprochen hat man mir offensichtlich nicht. 
Das Lied verklang, und die Paare lösten sich eines nach dem anderen, die Tanzfläche leerte sich, um jedoch sogleich Platz für die Nächsten zu machen.
"Mademoiselle? Dürfte ich um diesen Tanz bitten? "
Innerlich zuckte sie erschrocken beim Klang der Stimme hinter ihr, zusammen, ließ sich jedoch nichts von ihrer Überraschung anmerken. Sich halb zum Sprecher drehend, musterte sie ihn mit einem raschen, aber gründlichen Blick. Er musste in seinen frühen Dreißiger sein, besaß einen Geschmack für Mode und strahlte eine kecke Lebensfreude aus.
"Wenn Sie mir Ihren Namen nennen, junger Herr, werde ich über das Angebot nachdenken.", erwiederte sie auf sein höfliches Anfrage, ohne dabei, wie jede sonstige junge Dame, verlegen den Blick zu senken.
Grinsend nahm er ihre Hand und führte sie zu seinen Lippen, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden.
Seine Gedanken sprach er nicht aus, jedoch konnte sie sich gut vorstellen, was ihm soeben durch den Kopf ging.
"Antoine, Duc de Gramont. Und mit wem habe ich das Vergnügen, wenn ich so forsch fragen darf?", sagte er, beim sich wieder Aufrichten. "Ich kenne den Adel zu Hofe so gut wie meine eigene Hosentasche, Sie jedoch, sind mir noch nie begegnet. Und solch eine Schönheit vergisst ein Herr nicht, hat das Auge einmal Blick darauf gelegt." Charmant lächelte er sie an. Ihre Hand behielt er in seiner.
"Sie täuschen sich nicht. Es ist mein erstes Mal, zu Hofe Seiner Majestät. Ich komme aus England, wo man mich unter dem Namen Mary Ann, Duchess of Norfolk, kennt.", erklärte sie und gebat ihm nun endlich den anstandsgemäßen Knicks.
"Nun, da wir uns vorgestellt haben, möchten Sie mich nun auf die Tanzfläche begleiten, Duchess?"
Darauf lächelte sie leicht und hakte sich bei ihm ein.
"Selbstverständlich! Immerhin habe ich Ihnen schon zugesagt und die Bedingung wurde erfüllt"
Von ihm geleitet, schritt sie auf die Tanzfläche. Das Lied, welches nun angespielt wurde, wurde begleitet von einem Gemeinschaftstanz, sodass sie nicht die Möglichkeit erhielt lange genug mit ihrer neuen Bekanntschaft zu plaudern. Ein Duc, besser hätte ich es nicht treffen können. Aus ihm werde ich sicher etwas entlocken können was mir bei meinen Näherungsversuchen dem König gegenüber helfen könnten, dachte sie, während sie unbeschwert am Tanz teilnahm. Zeit habe ich glücklicher Weise zu Genügen. 
Immer wieder traf sie auf ihren Tanzpartner, drehte sich einmal im Kreis, und löste sich wieder von ihm. Es schien ihr eine Ewigkeit, bis endlich das Lied zu Ende war. Erlöst von ihrer Pflicht, gesellte sie sich zum Duc, der ihr sogleich ein Glas Wein anbot.
"Auf diesen hervorragenden Abend, vor allem aber die wunderbare Gesellschaft." Mit einem Zwinkern hob er sein Glas an die Lippen.
Welches Ziel er hatte, konnte sie sich leicht denken, denn letztendlich tickten doch alle Männer gleich. Dementsprechend erwiderte sie nichts, sondern trank selber von ihrem gar köstlichen Wein.
Nach einer Weile, in der sie sich über Gesellschaftlich-taugliche Themen unterhielten, fragte sie ihn direkter: "Kennen Sie den König persönlich?"
Für einen Moment schien er über diesen plötzlichen Themawechsel überrascht, lächelte dann jedoch wieder.
"Als Duc, sollte man annehmen können, dass ich Ihn schon diverse Male getroffen habe. Ich weiß nicht genau, wie ihr das in England regelt, aber es gibt des öfteren Treffen mit Seiner Majestät, um staatliche Angelegenheiten zu bereden.  Beantwortet dies Ihre Frage zu Genügen?"
Einem Diener, der unbemerkt durch die Menge huschte, übergab sie ihr leeres Weinglas und öffnete geschickt ihren Fächer, mit der nun freien Hand. Sich frische Luft verschaffend, näherte sie sich kaum merklich dem Duc, während sie ihn aus dicken Wimpern hervor anblickte.
"Nun, ich dachte, dass Sie mir vielleicht ein wenig über seine Persönlichkeit erzählen könnten und seinem Tagesablauf. Ich hoffe doch, diese Fragen sind nicht all zu unschicklich, Monsieur?"
Einen Moment schien er zu zögern, doch gefangen von ihren durchdringenden, hypnotisierenden Augen, schien er sich es doch noch anders zu überlegen.
"Der König ist, nun wie soll man sagen...er ist weniger repräsentativ, als verantwortungsbewusst. Die ersten Jahre seiner Herrschaft, wurde er vom gesamten Volk verehrt und respektiert, doch in letzter Zeit gab es immer mehr Unruhen. Man sollte dazusagen, dass er keineswegs machtbesessen ist, wie es de Könige, oder auch Adeligen von hohem Stand, oft sind. Nein, das kann man Ihm nicht vorwerfen. Gebildet ist er, daran ist nicht zu zweifeln und er ist ein ehrlicher Mensch mit guten Absichten. Mehr kann ich Ihnen nun leider auch nicht mehr zu diesem Thema sagen. Wenn Sie Glück haben, treffen Sie ihn heute Abend noch an. Liegt Ihnen ein wichtiges Anliegen auf der Seele, für das Sie einen Termin, beim König bräuchten?"
Überrascht darüber, ohne sein Misstrauen erregt zu haben, so viele Informationen auf einmal erlangt zu haben, schwieg sie einen Moment. Fragend hob er die Augenbrauen, während er sie musterte.
"Habe ich etwas Falsches gesagt?"
"Oh, nein, keineswegs! Besser hätten sie nicht antworten können.", versicherte sie ihm mit einem Lächeln. Unauffällig ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach einer bestimmten Person, ohne sie jedoch zu finden. Enttäuscht wandte sie sich wieder Antoine zu und knickste leicht.
"Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, Duc de Gramont." Sie wandte sich schon ab, als sie jemand am Handgelenk zurück hielt. Leicht verärgert drehte sie sich nochmal um und blickte in das Gesicht des Duc, welcher unangebracht nah bei ihr stand.
"Was gibt es noch?"
Ob es nun an der Wärme im Saal lag, wusste sie nicht, jedoch hatten seine Backen einen leicht verdächtlichen roten Schimmer. Abrupt ließ er ihren Arm los und trat einen Schritt weg von ihr.
"Ich wollte Ihnen nur noch einen reizvollen Abend wünschen und ... Sie sind jederzeit herzlichst in meiner Stadtresidenz eingeladen.", sagte er mit einem Lächeln und verbeugte sich. Dann war er verschwunden.
Nachdenklich schaute sie in die Richtung, in der er sich davon gemacht hatte.
Verbündete zu haben, kann nicht schaden...vielleicht statte ich ihm demnächst einen Besuch ab, wenn er mich schon so höflich einlädt, dachte sie zufrieden, zu sich.
"Es wird wirklich unangenehm stickig hier...", murmelte sie zu sich und fächelte sich Luft zu. Nach einem letzten erfolglosen Blick, wandte sie sich vom Tumult ab und bahnte sich einen Weg auf eines der offenen Fenster zu, von dem aus sie in den Garten ging. Tief atmete sie die frische Nachtluft ein, bevor sie gemütlich die ausladende Prechttreppe hinunter schritt. Ohne sich so recht um ihre Umgebung zu kümmern spazierte sie zwischen den gepflegten Büschen und Blumenbeeten hindurch, bis sie nach einiger Zeit eine Anwesenheit hinter sich verspürte. Wie als hätte diese gewusst, entdeckt worden zu sein, räusperte sich der Anwesende.
"Entspricht der Ball nicht Ihren Wünschen?", fragte sie eine ruhige männliche Stimme, die es gewohnt schien, dass man ihr ohne Wiederrede befolgte.
Kali drehte sich um und musterte den Mann, der nicht weit von ihr stand. Beim Anblick der prachtvollen Gewänder, die die der restlichen Ballanwesenden übertraf schmunzelte sie leicht. Doch dann entdeckte sie die Krone auf dessen Haupt. Verwundert zog sie eine Augenbraue hoch.
"Oh, selbstverständlich, Monsieur! Ich benötigte nur einen kleinen Ausflug in die frische Luft, wie Sie ebenfalls, nehme ich an...?"
Mit verschränkten Armen betrachtete er sie eine Weile, die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam, dann endlich schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen.
"Zum Teil. Mir ging es ebenfalls darum, einen Moment alleine zu sein.", antwortete er schließlich, ohne jedoch seinen intensiven Blick zu lösen. "Wie kommt es, dass ich Ihnen noch nie begegnet bin und Sie nun auf einmal auf meinem Anwesen auftauchen, wie selbstverständlich? mhh..." Nachdenklich ging er ein Paar Schritte auf sie zu.
"Vielleicht, kennen Sie mich wirklich nicht ... und eingeladen habe ich mich selber ", antwortete sie mit einem kecken Lächeln. Sie würde ja jetzt sehen, wie viel Humor, der König von Frankreich besaß, dachte sie.



















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